Max Ernst: Der König spielt mit der Königin

Im Sommer 1944 verbrachte Ernst mit seiner Frau Dorothea Tanning den Sommerurlaub in einem Haus auf Long Island und widmete sich dort intensiv der Bildhauerei. Das Feriendomizil lag an einer einsamen Küste, fernab der mondänen Strände, und die Kunst stand im Mittelpunkt. Doch auch einer weiteren grossen Leidenschaft wollten Max Ernst und Dorothea Tanning frönen, dem Schach. Das königliche Spiel hatte die beiden Künstler schon während ihres ersten Treffens auf das Engste verbunden, nach einer Woche des besessenen Spiels zog Ernst 1942 bei Dorothea Tanning ein und blieb die nächsten 34 Jahre. Doch in dem Ferienort gab es ein Problem: „Kein einziges Schachspiel im Dorfladen“, schrieb Max Ernst auf einer Postkarte an seinen New Yorker Galeristen Julien Levy. Als dieser bei den Künstlern eintraf, um den Rest der Ferien gemeinsam zu verbringen, konstatierte er in seinen Lebenserinnerungen: „Max hat noch nichts gemalt. Er ist dabei, ein Schachspiel zu bauen”.

Max Ernst spielt gegen Dorothea Tanning

Im gleichen Jahr 1944 schuf Max Ernst auch seine Skulptur “The King playing with the Queen”, die von seinem Sommerurlaub auf Long Island inspiriert war. Dorothea Tanning erzählte später, das Max Ernst in New York im Badezimmer ihrer Wohnung in der 58. Strasse, 327 Ost, an der Skulptur gearbeitet habe.

“The King playing with the Queen”

Das Werk zeigt eine gehörnte Gestalt, die an einem Schachbrett sitzt und spielt. Die Hauptfigur – der König des Spiels – lässt an den Minotaurus aus der griechischen Mythologie denken, ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier. Max Ernst hat diese wichtigste Figur des Schachspiels vom Brett genommen und selber in einen Schachspieler verwandelt. Dabei wird die Königin von der rechten Hand des Königs geschützt und zugleich am Voranschreiten gehindert, während er in der anderen eine weitere Spielfigur verbirgt. Der dämonische König spielt mit seinen Untertanen offenbar nach eigenen Regeln – das Spiel spielt sich selbst. In der vorderen Reihe stehen drei Kegel als Bauern, denen in der hinteren Reihe Läufer, Springer und Turm zugeordnet sind. Für die beiden Läufer goss Ernst Löffel ab und setzte jeweils zwei Abgüsse aneinander. Hier wie auch bei den anderen einfachen stereometrischen Formen dienten Gebrauchsgegenstände wie Küchentrichter, Farbdosen oder Pappkartons als Inspirationsquelle.

Wenige Monate nach seiner Entstehung wurde das Werk auf der legendären Gruppenausstellung The Imagery of Chess gezeigt, auf der Künstler wie Breton und Duchamp, Calder und Zadkine Werke zum Thema Schach präsentierten. Zusammen mit Gemälden und anderen Skulpturen stellte Max Ernst einen Bronzeguss der Plastik 1954 auf der XXVII. Biennale in Venedig aus, wo ihm der internationale Durchbruch gelang.

Max Ernst an der Biennale in Venedig (1954)

Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod erhielt der international bedeutendste deutsche Künstler des 20. Jahrhunderts ein eigenes Museum. Die Stiftung Max Ernst, Brühl, liess ein klassizistisches Benediktusheim in der Nähe des Schlosses Augustusburg durch einen modernen Anbau zum Max Ernst-Museum erweitern. Nach dem Ankauf der Sammlung Tanning, die fast das gesamte plastische Werk von Max Ernst umfasst, ist die Erwerbung von “The King playing with the Queen” mit Hilfe mehrerer Sponsoren das Highlight des neuen Museums.

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