«Ich übernahm die Schach-AG vom Lehrer»
Gregor Haags erste eindeutige Erinnerung an seine Schachkarriere ist der «haarsträubende Fehler», den er in seiner ersten Partie an der Bezirksmeisterschaft U12 machte: In einer ansonsten souveränen Partie liess er seinen König ins Grundreihenmatt laufen. Das ist lange her: Inzwischen ist der 30-jährige Inzlinger professioneller Schachtrainer, spielt unter den Top 250 der deutschen und Top 30 der Schweizer Schachspieler, hat derzeit ein internationales Rating von 2340 Punkten (ab 2500 gilt man als Grossmeister) und ist vergangenes Jahr mit der Schachgesellschaft Riehen erstmals glücklicher Schweizermeister geworden.
Zu Hause gelernt
Die zwei Jahre jüngere Schwester und die Mutter haben nichts mit Schach zu tun: «Es gibt noch normale Menschen in unserer Familie», lacht Haag. Er ist gross und schlank und hat die Haare zu einem strengen Zopf zusammengebunden: Er sieht also gar nicht aus wie das böse Klischee vom dick-brilligen, blassgesichtigen Nerd. Wie in vielen Familien war es der Vater, der ihm als Kind das Schachspielen beibrachte. Nur hatte Markus Haag damals schon ein überdurchschnittlich grosses Interesse an diesem ältesten Spiel der Welt: Er war damals bereits Vorsitzender im Schachclub Brombach; heute ist er ausserdem Funktionär im Badischen Schachverband.

Während der Schulzeit stand das Schachspiel für Gregor Haag zunächst in Konkurrenz zum Fussball. Allerdings übernahm er auf dem HebelGymnasium die Leitung der SchachAG bald vom Lehrer. Viele Tage und Wochenenden verbringt der junge Gregor mit seinen Freunden, die sein Vater mitnimmt, auf Schachturnieren; Haag erinnert sich an viele Reisen zum Bodensee, nach Nordbaden und in die Schweiz. Die übrigen sechs Runden beim eingangs erwähnten Bezirksturnier der U12 in Waldshut gewann er übrigens auch und damit das ganze Turnier.
Ein einschneidendes Erlebnis für ihn war ein mehrstufiges Amateurturnier in ganz Deutschland, als 2008 in Dresden die als Weltmeisterschaft geltende Schacholympiade stattfand. Von der Bezirks- über die Verbandsausscheidung erreichte Haag im Finale gegen 58 Kontrahenten den zweiten Platz. Sein zuvor erwähntes Rating, bei dem Anfänger mit 700 Punkten beginnen und je nach Leistungen über die ganze Karriere hinweg Punkte gewinnen oder verlieren, stieg in diesem Jahr sprunghaft von 1400 auf über 1900.
Schon vor seinem 16. Geburtstag schloss er die Ausbildung zum Schachtrainer ab, um mit dem Mindestalter von 16 mit der Ausbildung der Gleichaltrigen und Jüngeren zu beginnen. 2012 und 2013 gewann er die Badischen Meisterschaften U20. Bis heute spielt er mit dem SC Brombach in der dritten deutschen Liga, die früher Baden, heute ganz Baden-Württemberg umfasst. «Die deutsche Liga gilt bis heute als stärkste der Welt», ordnet Haag das Niveau für den Laien ein.
2009, mit 16 Jahren, wird er auch Mitglied in der SG Riehen: Die Vereine in Riehen und Brombach sind stark miteinander verbunden; bei einer gemeinsamen Mitgliedschaft gibt es sogar Rabatt. «Ich stieg damals in der Vierten Mannschaft ein», erinnert sich Haag, «und mein Aufstieg dauerte eine Weile, weil Riehen ein Spitzenteam ist.» Sein erstes Spiel in der Nationalliga A bestritt er 2017. Er spielt für die SG Riehen im European Club Cup, der «Champions League» des Schachsports.
Haag ist bei Weitem nicht der einzige Ausländer, der für einen Schweizer Verein spielen darf. Offiziell dürfe in der Nationalliga jede Mannschaft nur einen «echten» Ausländer aufbieten – das ist in Riehen der Österreicher Markus Ragger. Viele Ausnahmen erlaubten aber die Teilnahme von Spielern mit lokalem Bezug, so dem Inzlinger, dem Franzosen, der in Basel wohne, und sogar einem Kroaten, der mittlerweile wieder in seiner Heimat wohne, aber lange in Basel gelebt habe. Der erste Platz der SG im vergangenen Jahr war für Haag eine grosse Erleichterung: «Wir waren so oft Zweiter und Dritter, dass es echt frustrierend war.»
Geliebtes Rätseln
An der Uni Basel macht Haag 2017 den Bachelor in Nanowissenschaften; den Master bricht er jedoch ab und entscheidet sich, hauptberuflich Schachtrainer zu werden. Als solcher ist er sowohl beim Badischen als auch beim Nordwestschweizer Schachverband angestellt und gibt den Jugendkadern Unterricht übers Internet. Er leitet Trainingslehrgänge für Jugendliche oder begleitet sie auf Turniere; daneben hat er einige Privatschüler. Haag treibt vor allem das wissenschaftliche Interesse am Schach: «Ich liebe Rätsel. Und ich kann stundenlang an einer Stellung sitzen und versuchen, sie zu verstehen.»
«Ich habe definitiv meine Leidenschaft zum Beruf gemacht», sagt Haag. Aber ist es sein Traumberuf? Über diese Frage denkt er lange nach: «Ich weiss nicht, ob ich ihn bis an mein Lebensende ausüben wollte.» Er lebe einen «asymmetrischen Lebensstil», habe morgens frei und arbeite abends, sei fast jedes Wochenende unterwegs, teilweise nur drei Tage im Monat zu Hause: «Wenn man nicht regelmässig eine Pause macht, ist es unmöglich, die kreative Energie aufrechtzuerhalten.» Haag macht viel Sport zum Ausgleich: Rennrad, Joggen, Wandern, Bouldern. Er ist derzeit Single: «Ich kenne Kollegen, die machen diesen Job mit Familie. Das könnte ich mir kaum vorstellen.»
Boris Burkhardt
2 Responses
Der Beginn von Georgs Schach-CV erinnert mich stark an mein eigenes, habe ich doch in meiner allerersten Turnierpartie – es war an einem Schülerturnier in unserem Schulhaus gegen einen Klassenkameraden – mit einem Turm mehr einzügig die Dame eingestellt und folgerichtig die Partie verloren!
Das ist allerdings die einzige Gemeinsamkeit in unseren Schachkarrieren, vermutlich insbesondere deshalb, weil ich unbedingt meinen Ruf als “Remiskönig der SGR” für ewige Zeiten festschreiben wollte, was mir glaube ich auch ganz gut gelungen ist!
Sorry Gregor, ich habe Dich irrtümlich mit falschem Namen bezeichnet … oder KI hat mir einen Streich gespielt!