Schach in Indien

Indien – eine begeisterte Schach-Nation. Seit Viswanathan Anand im Jahr 2000 erstmals Schachweltmeister geworden ist, hat die Zahl der professionellen Spieler in Indien rasant zugenommen. Bereits im Schulalter eifern viele ihrem Idol nach.

Indien ist eine Cricket-Nation. Im letzten Jahrzehnt hat der traditionelle Lieblingssport der Inder aber zumindest in privilegierteren Kreisen ernsthafte Konkurrenz bekommen. Schachspielen wird mit jedem Tag populärer. Noch vor wenigen Jahren lag Indien weit abgeschlagen hinter Frankreich, Deutschland, Russland und Spanien, was die Zahl der beim Weltverbandgelisteten Spieler anging. Doch Ende Oktober hat der Subkontinent mit über 35 200 rangierten Spielern weltweit die Führung übernommen. Auch die Zahl der Grossmeister ist in den letzten paar Jahren rasant gewachsen auf derzeit 34.

TALENTE GEFÖRDERT

Der jahrhundertealte Vorläufer des strategischen Brettspiels soll zwar aus Ostindien stammen. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war Schach auf dem Subkontinent aber dennoch kaum verbreitet. Ein regelrechtes Schach-Fieber brach aus, als Viswanathan Anand im Jahr 2000 als erster Inder die Weltmeisterschaften gewann. Überall im Land sind seither Schach-Akademien und -Klubs aus dem Boden geschossen, und der indische Schachverband organisiert Turniere in allen Ecken des Landes und für alle Alterskategorien.

Darüber hinaus bieten die meisten Primar- und Mittelschulen heute Schach zumindest als Freifach an. In den Gliedstaaten Gujarat und Tamil Nadu (wo Anand herkommt) wurde die Disziplin offiziell in den Lehrplan aufgenommen. Auch in Delhi haben viele Schulen Schach zum Pflichtfach erklärt. An der Sanskriti School, einer der besten Privatschulen im Herzen von Delhi, werden seit 2005 alle Schüler von der 5. bis zur 8. Klasse in dem Brettspiel unterrichtet. Danach können sie auf freiwilliger Basis weiter Abendkurse besuchen.

Der Schachlehrer der Schule, Gagan Chitkara, hat früher selbst auf hohem Niveau Schach gespielt und trainiert unter anderem auch das indische Juniorenteam. «Viele Kinder können heute nicht mehr stillsitzen. Beim Schachspielen lernen sie, sich zu konzentrieren. Zudem gewöhnen sie sich an, strategisch zu denken und überlegte Entscheide zu treffen», erklärt der 38-Jährige begeistert. «Natürlich werden nicht alle Profis. Doch in jeder Klasse gibt es zwei bis drei Schüler, die überdurchschnittlich begabt sind und ins Schulteam aufgenommen werden können.»

Die 13-jährige Mehak ist eine der talentiertesten Schülerinnen Chitkaras. «Mein Vater hatte mir das Schachspielen beigebracht, als ich noch ein kleines Mädchen war. Doch mittlerweile hat er keine Chance mehr gegen mich», sagt sie lachend. Erst durch den Unterricht in der Sanskriti-Schule habe sie verstanden, dass Schach mehr sei als ein Zeitvertreib. Mehak nimmt mittlerweile mehrmals wöchentlich Privatstunden und träumt davon, eine professionelle Schachspielerin zu werden.

COMPUTER STATT REALE GEGNER

Auch Nirbhay spielt bereits seit der 4. Klasse Schach. «Meine Mutter hatte mich als Neunjährigen bei einer Schach-Akademie eingeschrieben, und es hat mir sofort Spass gemacht», sagt er. Heute nimmt der 17-Jährige regelmässig an Turnieren teil. «Anand ist unser Held», sagt der schlaksige Schüler. «Die meisten jungen Inder haben wie ich seinetwegen angefangen, Schach zu spielen.» […]

Wie ihr grosses Vorbild Anand üben auch die Talente aus der Sanskriti-Schule noch in Schach-Akademien und -Klubs. Im Gegensatz zur älteren Generation greifen sie immer öfters aber auch auf Computer und Smartphones zurück, um zu trainieren. «Zum einen ist es zeitaufwendiger, mit einem realen Partner zu spielen», erklärt Soumit. «Zum anderen sind die Programme auch sehr gut geworden, und wir Inder haben ein natürliches Flair für IT.»

Gekürzter Text aus der NZZ vom 29.11.2013,  Autor: Andrea Spalinger, Delhi

Schreibe einen Kommentar