Vladimir Nabokov: Lolita, Schmetterlinge und das Schach

Vladimir Nabokov wurde am 23. April 1899 in St. Petersburg geboren. 1919 wanderte er nach Grossbritannien aus. In Cambridge studierte er Sprachen und Entomologie (Insektenkunde). Später lebte er in Berlin und Paris. 1940 emigrierte er in die USA und erhielt 1945 die amerikanische Staatsbürgschaft. Von 1948-1959 war er Professor an der Cornell University in Ithaca. Seit 1961 residierte Nabokov mit seiner Gattin im “Montreux Palace” am Genfersee. Heutzutage bietet das “Fairmont Le Montreux Palace” für Aficionados eine “Nabokov Suite” an.Die Beschreibung des Hotels lautet:

“Unsere Nabokov Suite verfügt einen Wohn- und Schlafbereich. Diese Suite ist ein Teil der Räumlichkeiten, die Vladimir Nabokov während 16 Jahren im Fairmont Le Montreux Palace bewohnte. Die Badezimmer sind mit Marmor versehen und vom Balkon aus ist der Blick auf den Genfer See wunderschön.”

Nabokows grosse Leidenschaft war seit Kindesbeinen das Sammeln von Schmetterlingen. Nun, als er in Montreux lebte, fing er sie auf den Wiesen der Waadtländer Voralpen, in Italien, Frankreich und Spanien. Seine grosse Schmetterlings-Sammlung umfasste 4323 Exemplare und wird heute im “Musée Cantonal” in Lausanne aufbewahrt. – Nach einem reichen Leben starb Nabokov am 2. Juli 1977 im Alter von 78 Jahren in Montreux. Harald Bergmanns zweistündiger Filmessay “Der Schmetterlingsjäger” erzählt über den Schriftsteller und Schmetterlingsforscher Vladimir Nabokov.

Denkmal für Vladimir Nabokov im Garten des “Fairmont Le Montreux Palace”

Die meisten Leute kennen Nabokov nur wegen seines skandal-umwitterten Romans Lolita (1955). Das Buch war ein Bestseller und wurde zweimal verfilmt: von Stanley Kubrick (1962) und von Adrian Lyne (1997).

Weniger bekannt ist Nabokovs Liebe zum Schach. Sein erster erfolgreicher Roman (1930) hieß Lushins Verteidigung. Er handelt vom Leben des großen Schachspielers Alexander Lushin, der völlig auf das Schach fixiert ist. Lushin wird von seinem Mentor durch halb Europa von Turnier zu Turnier geschleppt. Lushin sucht lange verzweifelt eine Verteidigung gegen die Eröffnung seines Erzrivalen Turatti. Am Ende der lang erwarteten Partie gegen seinen Rivalen Turatti bricht Lushin zusammen:

„Da geschah etwas ausserhalb seines Wesens, ein beissender Schmerz, ein lauter Aufschrei. Er schwenkte seine Hand, die mit dem brennenden Streichholz in Berührung gekommen war, das er angezündet und dann vergessen hatte, an die Zigarette zu führen. Der Schmerz verging sofort, aber in dem Schein des Flämmchens hatte er etwas unfaßbar Schreckliches erblickt. Das Grauen der Abgründe, in die er hinab getaucht war, ergriff ihn. Nur unter Überwindung schaute er wieder vor sich auf das Brett, doch sein Denken erlosch in einer nie zuvor empfundenen Müdigkeit. Aber das Schachspiel war unerbittlich, es hielt ihn fest und sog ihn förmlich auf. Schrecken barg es, doch lag in ihm auch die einzig mögliche Harmonie verborgen, denn was existierte schon in der Welt ausser dem Schach? Banalität, Ungewißheit, Leere.“

Die Partie wird abgebrochen und nie mehr weiter geführt. Nach ärztlicher Behandlung erholt sich Lushin zwar, aber der Arzt empfiehlt ihm dringend, das Schach aufzugeben. Lushin verteidigt sich umsonst gegen die Gedanken, die um das Schach kreisen. Er verliert zunehmend die Kontrolle über die Realität, bis sein ganzes Leben von seiner letzten, abgebrochenen Partie gegen Turatti beherrscht wird. Lushin glaubt, dass alles, was um ihn herum geschieht, im Zusammenhang mit dieser letzten Partie steht. – Wie das Drama endet, sei hier nicht verraten.

Man hat natürlich gerätselt, welche Schachmeister als Vorbilder für die beiden Protagonisten Lushin und Turatti dienten. Das Vorbild für Lushin war wahrscheinlich der geniale Alexander Aljechin. Dazu gibt es einige Hinweise: Lushin hat die Vornamen Alexander Iwanowitsch und er gewann wie Aljechin schon in jungen Jahren sein erstes Turnier. Die ‚Aljechin-Verteidigung‘ brachte neue Ideen ins Schach, genau so wie die ‚Lushin Verteidigung‘. Aber auch die seelische Struktur Aljechins und die Stellung Aljechins in der damaligen Schachwelt kann mit derjenigen von Lushin verglichen werden. Mit dem stämmigen Turatti ist zweifellos Richard Reti gemeint, heißt es doch im Roman über Turatti:„Dieser Spieler, ein Vertreter der modernsten Richtung im Schach, begann die Partie mit einer Entwicklung der Flanken, wobei er darauf verzichtete, das Zentrum mit eigenen Bauern zu besetzen.“ Allerdings ist dieser Roman nicht als Schlüsselroman gedacht. Er soll ganz allgemein die Gefahren einer masslos übersteigerten Leidenschaft für das Schach aufzeigen. In diesem Sinne ist der Roman zeitlos und damals wie heute faszinierend.

Nabokov und das Problemschach

Das Schachspiel war für Nabokov mehr als nur ein Zeitvertreib in schlaflosen Nächten. Er hat im Schach viele Analogien zur Literatur gesehen und diese Analogien auch genutzt. Denn es waren dieselben ästhetischen Freuden, die er hier wie dort empfand, es war dasselbe Grundmuster von Finten, Irreführungen und lange vorbereiteten Intrigen. Lassen wir den Autor selber über seine Problemkunst sprechen:

„Wie oft habe ich darum gerungen, die schreckliche Macht der weissen Königin so zu fesseln, dass es kein Mattdual geben konnte! Man muss sich darüber im klaren sein, dass der Kampf bei Schachproblemen nicht eigentlich zwischen Weiss und Schwarz stattfindet, sondern zwischen dem Problemautor und dem potentiellen Löser. Der Wert eines Problems hängt damit zu einem großen Teil von der Zahl der Versuche ab. Es gibt täuschende Eröffnungen, falsche Fährten und trügerische Lösungswege, mit Scharfsinn und Liebe erfunden, um den Löser ins Irre zu führen.“

Hier ein Problem von Vladimir Nabokow: Matt in drei Zügen. Stellung Weiss: Kh7, Th8, Sa4, Lc8, Bc4, d5, e6. Schwarz: Ka6, Sb7, Lb6, Ba5, a7, c5, d6, d7.

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